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Die vielen Gesichter der Macht

vor 2 Tagen
5 Min. Lesezeit

Wenn ich an Macht denke, habe ich erstmal große Bilder im Kopf: Politik, Chefetagen, Menschen, die wichtige Entscheidungen treffen. Der eigene Verein kommt mir dabei nicht unbedingt als Erstes in den Sinn. Zumindest war das bisher so…


Nachdem ich mich in den letzten Wochen intensiver mit Machtstrukturen beschäftigt habe, sehe ich das inzwischen etwas anders. Mir fällt immer mehr auf, wie viel Einfluss auch in ganz alltäglichen Situationen steckt. Bei der Arbeit, in Gruppen und eben auch im Verein.

Frau in weißem Shirt trinkt aus orangefarbenem Becher und liest am Fenster; Frühstück mit Marmelade, gemütliche Stimmung.














Wer hat da gerade entschieden?

Dienstagabend bei der Vereinssitzung: Jemand bringt eine neue Idee ein und eine andere Person sagt: „Das haben wir schon mal versucht. Das funktioniert bei uns nicht.“ Ein paar Leute nicken, das Gespräch geht weiter und die Idee ist vom Tisch. Ohne Abstimmung, vielleicht sogar ohne richtige Diskussion.

Ich finde spannend, was in diesem kurzen Moment passiert: Eine Einschätzung reicht aus, um die Richtung vorzugeben. Und ich frage mich: Wer hat da gerade entschieden? Warum wurde diese Aussage direkt angenommen? Und hätte die gleiche Aussage von einer neuen Person im Verein genauso viel gezählt?


Für mich machen solche Situationen deutlich, wieviel komplexer und undurchsichtiger Macht ist. Wer Einfluss hat, ist im Vereinsalltag oft gar nicht so leicht zu erkennen.


Macht? Haben bei uns doch nur die im Vorstand.

Der Vorstand ist die naheliegende Antwort auf die Frage, wer im Verein das Sagen hat. Schließlich gibt es Ämter, Zuständigkeiten und eine Satzung. Damit ist ein Teil der Entscheidungswege offiziell geregelt. Im Alltag passiert aber noch viel mehr. Menschen bereiten Entscheidungen vor, geben Informationen weiter, bringen Themen auf die Tagesordnung oder erklären, warum etwas angeblich nicht geht. All das beeinflusst, was am Ende passiert.


Für mich bedeutet Macht hier die Möglichkeit, Entscheidungen und Handlungen im Verein zu beeinflussen. Manchmal ist diese Möglichkeit ausdrücklich mit einem Amt verbunden. Manchmal entsteht sie ganz nebenbei. Wenn zum Beispiel nur eine Person weiß, wie die Website funktioniert, hat sie Einfluss darauf, wann Inhalte online gehen und wie sie aussehen. Das kann auch dann so sein, wenn jemand anderes offiziell für die Öffentlichkeitsarbeit zuständig ist. Das heißt noch nicht, dass diese Person ihren Einfluss bewusst ausnutzt. Vielleicht ist sie einfach die Einzige, die sich jemals darum gekümmert hat. Trotzdem hängt ein ganzer Bereich an ihr.


Wo Einfluss im Vereinsalltag entsteht

Macht hat unterschiedliche Quellen. Diese acht begegnen uns im Vereinsalltag häufig und überschneiden sich oft:


1. Formelle Macht: „Das gehört zu meinem Amt.“

Ein Amt bringt Entscheidungsbefugnisse mit sich. Damit alle wissen, woran sie sind, muss klar sein, wer was entscheiden darf und wann Rücksprache nötig ist.


2. Wissen: „Ohne mich wird das schwierig.“

Wer sich mit Buchhaltung, Förderanträgen oder Technik auskennt, hat Einfluss. Liegt dieses Wissen nur bei einer Person, werden andere schnell von ihr abhängig.


3. Informationen: „Davon wusste ich gar nichts.“

Wer früh von einer Veränderung erfährt, kann sich vorbereiten und Vorschläge entwickeln. Wer Informationen erst kurz vor einer Entscheidung bekommt, hat weniger Möglichkeiten, mitzugestalten.


4. Beziehungen und Netzwerke: „Ich rufe da mal jemanden an.“

Kontakte öffnen Türen zu Räumen, Kooperationen oder Unterstützung. Wer diese Kontakte hält, beeinflusst auch, welche Möglichkeiten der Verein in Betracht zieht.


5. Erfahrung und Tradition: „Ich bin schon seit zwanzig Jahren dabei.“

Erfahrung hilft, frühere Fehler zu vermeiden. Sie kann neue Ideen aber auch ausbremsen, wenn „Das haben wir schon versucht“ jede weitere Diskussion beendet.


6. Zeit und Präsenz: „Das haben wir gestern schon besprochen.“

Wer häufig dabei ist, bekommt mehr mit und gestaltet Gespräche mit. Werden Entscheidungen nebenbei vorbereitet, können Menschen mit weniger Zeit schwerer Einfluss nehmen.


7. Umsetzungsmacht: „Ich habe es jetzt so gemacht.“

Wer einen Beschluss umsetzt, trifft dabei viele kleine Entscheidungen. Dieser Spielraum prägt das Ergebnis und sollte für alle Beteiligten klar sein.


8. Sozialer Einfluss: „Wenn sie das sagt, wird es wohl stimmen.“

Manche Menschen finden besonders leicht Gehör, weil andere ihnen vertrauen oder ihr Auftreten überzeugt. Ihre Meinung hat Gewicht, auch ohne offizielles Amt.


Eine Person, mehrere Machtquellen

Beim Lesen habt ihr vielleicht an dieselbe Person gleich mehrfach gedacht. Das ist nachvollziehbar: Wer lange im Verein aktiv ist, kennt häufig viele Menschen, verfügt über viel Wissen und hat vielleicht zusätzlich ein Vorstandsamt. So kann Einfluss bei einzelnen Personen zusammenlaufen.


Interessant wird es, wenn diese Person etwas abgeben möchte oder jemand Neues mitgestalten will. Dann zeigt sich, wie zugänglich das Wissen ist, wie offen die Kontakte sind und wie viel Entscheidungsspielraum andere tatsächlich bekommen. Ich finde deshalb die Frage hilfreich: Könnte jemand anderes hier eine eigene Idee einbringen und umsetzen? Was müsste diese Person dafür wissen, können oder mit wem müsste sie sprechen?


Die Antwort verrät oft mehr über die Machtverteilung als eine Liste der offiziellen Ämter.


Müssen wir jetzt jeden Einfluss problematisch finden?

Ich finde es erst mal entlastend, Macht überhaupt benennen zu können. Denn Einfluss gehört dazu, sobald Menschen gemeinsam etwas organisieren. Wir brauchen Personen, die sich auskennen, Orientierung geben und Entscheidungen treffen.


Trotzdem lohnt sich ein genauer Blick. Besonders dann, wenn dieselben Menschen dauerhaft bestimmen, andere kaum zu Wort kommen oder Entscheidungswege schwer nachvollziehbar sind. Ein Satz wie „Das haben wir schon versucht“ kann wertvolle Erfahrung in ein Gespräch bringen. Er kann eine Idee aber auch früh beenden. Entscheidend ist, ob danach noch Raum bleibt: Was wurde damals versucht? Warum hat es nicht geklappt? Was wäre heute anders?


Damit wird aus einer abschließenden Aussage wieder etwas, über das die Gruppe gemeinsam nachdenken kann.



Ein Macht-Check für euren Verein

Wenn ihr das für euren Verein genauer anschauen möchtet, nehmt euch eine konkrete Entscheidung aus den letzten Wochen, z.B. die Auswahl eines Veranstaltungsortes oder die Änderung im Trainingsangebot.


Nehmt euch dafür zehn Minuten und schaut zunächst darauf, wie die Entscheidung tatsächlich zustande gekommen ist. Geht den Weg dieser Entscheidung noch einmal durch:


  • Wer hat das Thema eingebracht? Hatten auch andere die Möglichkeit, eigene Themen vorzuschlagen?

  • Wer hatte welche Informationen? Konnten sich alle Beteiligten rechtzeitig ein Bild machen?

  • Wessen Meinung hatte besonders viel Gewicht? Woran lag das: am Amt, am Wissen, an Erfahrung oder an persönlichen Beziehungen?

  • Wo wurde die Richtung festgelegt? In der Sitzung, im kleinen Kreis oder schon in Gesprächen davor?

  • Wer hat entschieden und umgesetzt? War klar, wer das durfte und welchen Spielraum die Person hatte?


Ihr könnt die Fragen zunächst für euch beantworten oder gemeinsam besprechen. Gerade unterschiedliche Erinnerungen sind interessant. Vielleicht war für eine Person alles offen, während eine andere das Gefühl hatte, die Entscheidung sei längst gefallen.



Wir halten fest

Macht im Verein entsteht durch Ämter und Zuständigkeiten, aber auch durch Wissen, Informationen, Kontakte, Erfahrung, Zeit und Vertrauen. Ein Teil davon ist sichtbar. Vieles fällt uns erst auf, wenn wir einen Entscheidungsweg genauer anschauen.


Für mich beginnt ein bewusster Umgang mit Macht deshalb mit Aufmerksamkeit: Wer kommt zu Wort? Wessen Einschätzung übernehmen wir? Und wer hat die Möglichkeit, etwas mitzugestalten?



Bleib dran

Im nächsten Beitrag schauen wir darauf, wie wir mit unserem eigenen Einfluss umgehen und Macht und Verantwortung im Verein teilen können.

 
 
 

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