Jung engagiert. Alt organisiert.
- Isabel Claviez

- 17. Juni
- 4 Min. Lesezeit
Willkommen (zurück) zum letzten Teil unserer Blogreihe über junges Engagement.
In den vergangenen Wochen haben wir gezeigt, dass junge Menschen engagiert sind – wenn Vereine sichtbar, zugänglich und flexibel genug sind. Doch selbst wenn all das gelingt, bleibt eine entscheidende Frage offen:
Was passiert eigentlich, wenn junge Menschen im Verein angekommen sind? Genau darum soll es heute gehen: um Verantwortung.

Die Jugend will keine Verantwortung. Oder doch?
Wer länger in Vereinen unterwegs ist, kennt diese Sätze nur zu gut:
„Für den Vorstand findet sich niemand mehr.“
„Die jungen Leute wollen sich nicht festlegen.“
„Früher haben die Leute viel mehr Verantwortung übernommen.“
Solche Aussagen hört man regelmäßig. Unsere Studie zeichnet allerdings ein anderes Bild: Rund 41 % der jungen Engagierten übernehmen bereits heute koordinierende oder leitende Aufgaben. Sie organisieren Veranstaltungen, koordinieren Teams, verantworten Projekte oder gestalten die strategische Entwicklung ihrer Organisationen mit.
Das Problem ist also nicht, dass junge Menschen schlichtweg keine Verantwortung übernehmen wollen.
Die Frage, die sich daraus ergibt, ist also: Warum gelingt es manchen Vereinen, junge Menschen in Verantwortung zu bringen, während andere daran scheitern?
Verantwortung ist kein Risiko. Sie ist ein Motivator.
Ein Blick in unsere Interviews liefert eine spannende Antwort. Viele junge Engagierte erleben Verantwortung nicht als Belastung, sondern als Chance.
Eine Interviewpartnerin beschreibt die Motivation vieler junger Menschen so:
„Ich glaube, die Motivation für Verantwortung kommt daher, dass sie einerseits Lust haben, selber zu gestalten und andererseits auch sehen, was man selber danach daraus ziehen kann.“
Und das zieht sich durch viele Gespräche mit und Rückmeldungen von jungen Menschen. Sie wollen nicht nur helfen. Sie wollen gestalten. Sie wollen Ideen einbringen, Projekte umsetzen, Entscheidungen treffen und erleben, dass ihr Handeln einen Unterschied macht. In Zeiten, wo der Klimawandel stetig voranschreitet, wo der Rechtsdruck in vielen Ländern größer wird, wo die Demokratie keine Selbstverständlichkeit mehr ist, ist der Drang nach Selbstwirksamkeit und Mitbestimmung für junge Menschen kein Wunsch mehr, sondern eine Notwendigkeit.
Verantwortung schafft genau das. Sie ermöglicht Lernen, persönliche Entwicklung und das Gefühl, etwas bewegen zu können. Deshalb ist Verantwortung häufig kein Abschreckungsfaktor. Im Gegenteil: Sie ist oft einer der Gründe, warum Menschen überhaupt bleiben.
*Kleiner persönlicher Exkurs:
Als ich bei Ehrenamt 2.0 gestartet bin, hatte ich von vielen Dingen, die heute zu meinem Arbeitsalltag gehören, eigentlich keine Ahnung. Ich hatte weder eine Ausbildung im Projektmanagement noch habe ich jemals zuvor ein Workshop gegeben. Nur eine Menge Motivation mich selbst weiterzuentwickeln und den Wunsch die Vision mitzuformen und etwas Positives für das Vereinswesen zu erschaffen. Niklas und Fabio hätten sich damals für jemand anderen entscheiden können, sie hätten sagen können, dass ich zwar gerne unterstützen kann, aber mehr dann halt auch nicht drin ist. Stattdessen haben sie mir von Anfang an einen Raum für Wachstum und ne Menge Vertrauen geschenkt. Heute organisiere ich eigene Projekte, gebe Coachings und Workshops, co-manage das Personalwesen und bringe Ideen mit ein, die auch wirklich umgesetzt werden.
Wo Vereine Menschen verlieren
Trotzdem erleben viele Vereine, dass junge Menschen Verantwortung ablehnen oder nach kurzer Zeit wieder aussteigen. Wenn ihr mich fragt, liegt das oft nicht an der Verantwortung selbst, sondern daran, wie sie übertragen wird. Vielleicht kommt euch das bekannt vor:
Jemand engagiert sich seit einigen Monaten im Verein. Die Person wirkt motiviert und zuverlässig. Also bekommt sie plötzlich die Verantwortung für die Öffentlichkeitsarbeit, die Projektleitung oder sogar ein Vorstandsamt übertragen. Was dabei häufig fehlt, sind klare Rahmenbedingungen:
Wer ist Ansprechpartner?
Wie viel Zeit wird tatsächlich benötigt?
Welche Aufgaben gehören dazu?
Wo bekomme ich Unterstützung?
Was passiert, wenn ich Fehler mache?
Wenn diese Fragen unbeantwortet bleiben, fühlt sich Verantwortung schnell nicht mehr wie eine Chance an, sondern wie ein Risiko.
Verantwortung braucht Struktur
Die erfolgreichsten Organisationen, die ich im Rahmen unserer Studie kennengelernt habe, übertragen Verantwortung deshalb nicht einfach. Sie begleiten sie. Neue Verantwortliche werden eingearbeitet. Aufgaben werden dokumentiert. Wissen wird weitergegeben. Es gibt feste Ansprechpersonen, die unterstützen, wenn Fragen auftauchen.
Besonders spannend fand ich dabei das Thema Mentoring. Statt neue Menschen einfach ins kalte Wasser zu werfen, arbeiten viele erfolgreiche Organisationen mit erfahrenen Begleiter*innen. Neue Engagierte können dadurch Verantwortung übernehmen, ohne sich allein gelassen zu fühlen.
Eine Interviewpartnerin brachte es auf den Punkt:
„Es gibt einem einen gewissen Rückhalt oder eine Rückendeckung, eine Fehlerkultur, die zulässt, dass man auch Fehler machen darf.“
Genau das scheint entscheidend zu sein. Junge Menschen brauchen nicht perfekte Bedingungen. Sie brauchen das Gefühl, dass sie Verantwortung übernehmen dürfen, ohne sofort alles können zu müssen.
Verantwortung darf gelernt werden
Vielleicht liegt hier einer der größten Denkfehler vieler Organisationen. Oft behandeln Vereine Verantwortung wie eine Belohnung für langjährige Mitgliedschaft. Erst nach Jahren bekommt man die Möglichkeit, Projekte zu leiten oder Entscheidungen zu treffen.
Viele junge Organisationen denken genau andersherum. Dort wird Verantwortung als Lernfeld verstanden. Sie bekommen früh die Möglichkeit, Dinge auszuprobieren. Nicht, weil sie bereits alles können, sondern weil sie genau dadurch lernen.
Das bedeutet natürlich nicht, dass jede Person sofort den Vorstand übernehmen sollte. Aber es bedeutet, dass Verantwortung nicht erst am Ende einer Engagementlaufbahn stehen muss. Sie kann der Weg sein, auf dem Menschen wachsen.
Wir halten fest
Verantwortung ist kein Problem des Ehrenamts, sondern Teil der Lösung. Junge Menschen wollen gestalten, lernen und Wirkung entfalten. Damit Verantwortung zum Bindungsfaktor wird, braucht sie jedoch klare Rahmenbedingungen: transparente Rollen, Begleitung, Mentoring und eine Fehlerkultur, die Entwicklung ermöglicht. Wer Verantwortung nicht einfach überträgt, sondern Menschen auf diesem Weg begleitet, schafft die Grundlage für langfristiges Engagement und zukünftige Führungskräfte im Verein.
Zum Abschluss
Und damit endet unsere kleine Blogreihe zum Thema junges Engagement.
Als wir diese Studie begonnen haben, stand eine einfache Frage im Raum: Warum engagieren sich scheinbar immer weniger junge Menschen in Vereinen?
Nach über 150 Befragungen, zahlreichen Interviews und mehreren Monaten Auswertung lautet unsere Antwort heute: Die entscheidende Frage war von Anfang an die falsche!
Junge Menschen engagieren sich. Sie engagieren sich langfristig, übernehmen Verantwortung und investieren Zeit, Energie und Ideen in gesellschaftliche Themen. Die Herausforderung besteht nicht darin, junge Menschen für Engagement zu begeistern. Die Herausforderung besteht darin, Organisationen so zu gestalten, dass junge Menschen ihren Platz darin finden.
Sichtbarkeit, niedrigschwellige Einstiege, flexible Strukturen und begleitete Verantwortung sind dabei keine Einzelmaßnahmen. Sie sind Ausdruck einer grundlegenden Haltung: Menschen dort abzuholen, wo sie stehen, und ihnen zuzutrauen, aktiv mitzugestalten.
Die Zukunft des Engagements entscheidet sich deshalb nicht an der Frage, ob junge Menschen bereit sind Verantwortung zu übernehmen. Sie entscheidet sich daran, ob wir bereit sind, ihnen diese Verantwortung zuzutrauen.
Du willst mehr wissen?
Dann findest du hier unsere ganze Studie kompakt zusammen gefasst!
Welche Art von Verantwortungs-„Übergabe“ findest du am sinnvollsten?
Schrittweise mit kleinen Paketen starten.
Direkt Verantwortung geben, aber mit engem Support.
Erst „mitlaufen“, dann übernehmen.
Verantwortung teilen (Tandem/Co-Leitung statt allein).



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