Generation kein Bock? Warum sich junge Menschen (nicht) in Vereinen engagieren
- Isabel Claviez

- 9. Apr.
- 3 Min. Lesezeit
Jungen Menschen engagieren sich nicht! Oder…?
Wer Vereinsvorständen erlebt, hört ein widerkehrendes Klagelied: junge Menschen würden sich heutzutage nicht mehr gesellschaftlich engagieren. Sie hätten keine Zeit, Motivation oder kein Interesse, sich ehrenamtlich einzubringen. Ich höre das seit Jahren und dachte immer schon: really!? Als Mitte Zwanzigjährige begegnet mir Engagement nämlich ständig: Sei es bei unserer Veranstaltung Hot People do Ehrenamt, bei der über 100 junge Menschen zusammengekommen sind, um sich auszutauschen und Engagement sichtbar zu machen. Oder auf Demonstrationen, wo junge Menschen für eine starke, demokratische Gesellschaft auf die Straße gehen. Oder, als eine neue, aber unglaublich relevante Form von Engagement: Dem Digital-Aktivismus. Mein Feed ist voll mit Beiträgen von jungen Menschen, Organisationen und Initiativen, die aufklären, einfordern und aktiv mitgestalten.

Gleichzeitig erlebe ich in den Ehrenamt 2.0 Workshops, Veranstaltungen und Coachings noch etwas anderes aus nächster Nähe: Viele Vereine kämpfen mit Nachwuchsproblemen. Es fällt ihnen schwer, junge Menschen für sich und ihre Arbeit zu gewinnen. Genau dieses Spannungsfeld hat mich nicht losgelassen.
Ich wollte verstehen, wie junges Engagement heute wirklich aussieht und welche Faktoren es fördern oder hemmen. Deshalb habe ich für Ehrenamt 2.0 eine Studie durchgeführt, die genau diese Fragen untersucht. Dafür habe ich in den vergangenen Monaten Fragebögen ausgewertet, Interviews geführt und mich in die Literatur hineingearbeitet. Herausgekommen ist eine wissenschaftliche Studie, die zeigt, was junge Menschen brauchen und wie Vereine ihre Bedürfnisse erfüllen können.
Junges Engagement heute
Zum Start der Recherche steuerte ich den Freiwilligensurvey der Bundesregierung an. Und siehe da: Keine Generation engagiert sich so inteniv wie die jüngste: rund 40 % der 14- bis 29-Jährigen engagieren sich deutschlandweit. Meine Studie begrenzte sich auf NRW und bestätigte diesen Wert, fand aber noch mehr heraus:
fast die Hälfte (46 %) der jungen Menschen zwischen 14 und 35 Jahren in NRW engagiert sich
davon üben 62% ihr Engagement schon länger als 2 Jahre aus
ein Drittel in leitenden und koordinierenden Rollen
Und fast noch spannender: Von den Nicht-Engagierten haben zwei Drittel bereits darüber nachgedacht, sich einzubringen.
Aber was bedeutet das konkret? Die Annahme, junge Menschen würden sich nicht engagieren, lässt sich so nicht halten. Im Gegenteil: Mehr als einer von drei engagiert sich bereits heute. Und das Potenzial ist enorm – viel mehr sind motiviert, sich zu engagieren.
Wenn die Motivation nicht das Problem ist – was ist es dann?
Die Generationslücke: Bewährte Vereine sind in einer anderen Zeit entstanden. Vor 25 Jahren sah unsere Lebensrealität noch anders aus: Starre Entscheidungsstrukturen waren Alltag, Medien noch nicht sozial und die Work-Life-Balance gerader erst geboren. Vereinen, die aus dieser Zeit kommen, kann ich nur sagen: Wenn ihr junge Menschen erreichen wollt, führt kein Weg daran vorbei, sich selbst zu verändern.
Strukturen, Prozesse und Arbeitsweisen müssen sich stärker an die Lebensrealitäten junger Menschen anpassen – nicht andersherum.
Wir halten fest
Junges Engagement ist weit verbreitet – es scheitert nicht an fehlender Motivation, sondern an Passungsproblemen zwischen den Bedürfnissen junger Menschen und den vorhandenen Strukturen. Die guten Nachrichten: Vereine sind mithilfe einiger Schritte, in der Lage das zu ändern.
Bleib dran
In den nächsten acht Wochen veröffentlichen wir eine Serie von Blogbeiträgen, die die große Frage beantwortet: Was können Vereine unternehmen, damit sich junge Menschen bei ihnen engagieren. Im nächsten Beitrag schauen wir, welche kommunikationsstrategischen Grundlagen jeder Verein legen sollte. Bleibt dran, wenn ihr wissen wollt, wie ihr euern Verein so gestaltet, dass er für junge Menschen attraktiv wird.
Was überrascht dich mehr?
Dass sich schon so viele engagieren.
Dass viele Nicht-Engagierte trotzdem Interesse haben.
Dass junges Engagement oft langfristig ist.
Eigentlich nichts davon.




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