Zwischen WhatsApp und KI: Wie digital Vereine wirklich sind
- Isabel Claviez

- 1. Juli
- 5 Min. Lesezeit
Nach unserer Reihe zum jungen Engagement nehmen wir uns eine neue Studie vor: „Digital gedacht – KI gemacht“. Gefördert vom Land NRW haben wir 64 Vereine aus NRW gefragt, wie sie digitale Werkzeuge und Künstliche Intelligenz in ihrer Vereinsarbeit nutzen.

Digitaler als gedacht
Die wichtigste Erkenntnis vorab: Vereine sind viel digitaler, als das Klischee vom Zettel-und-Aktenordner-Verein vermuten lässt. Trotzdem klafft eine riesige Lücke zwischen dem, was möglich wäre, und dem, was tatsächlich passiert. Und die liegt nicht da, wo man sie vermuten würde.
Digitale Tools vereinfachen den Alltag
Fangen wir mit einer guten Nachricht an. Wir haben Vereine gefragt, wie fortschrittlich sie sich in Sachen Digitalisierung einschätzen. Und zwar sowohl heute als auch rückblickend vor fünf Jahren. Das Ergebnis: Die Selbsteinschätzung ist deutlich gestiegen. Vereine erleben sich heute spürbar digitaler als noch vor fünf Jahren.
Das zeigt sich auch ganz praktisch. Digitale Werkzeuge sind längst kein Zukunftsthema mehr, sondern Alltag:
Messenger wie WhatsApp oder Signal sind für die Mehrheit der Vereine ein etablierter Kommunikationskanal
Interne Abstimmung findet digital statt. Vorstände, Teams und Arbeitsgruppen organisieren sich über WhatsApp, Signal, Zoom, Mails, geteilte Dokumente oder Projekttools.
Termine, Treffen und Veranstaltungen werden digital geplant. Von der Doodle-Abfrage bis zur Online-Anmeldung ist vieles schon ganz normal geworden.
Grafiken und Social-Media-Content werden bei den meisten Vereinen selbst erstellt, nicht mehr in Auftrag gegeben.
Mitgliederverwaltung ist zumindest teilweise digitalisiert. Nicht überall perfekt, aber der Ordner im Schrank ist längst nicht mehr das einzige System.
Das klingt vielleicht erstmal banal, ist es aber nicht. Denn genau hier beginnt der Perspektivwechsel: Digitalisierung ist nicht erst dann da, wenn ein Verein eine riesige Softwarelösung einführt oder alle Prozesse perfekt automatisiert sind. Digitalisierung beginnt viel früher.
Ein Mitglied hat es in unserer Befragung so beschrieben:
„Digitale Werkzeuge ermöglichen es uns, schnell auf Änderungen zu reagieren und unsere Mitglieder effektiv zu informieren und zu betreuen."
Genau darum geht es. Digitalisierung ist kein Selbstzweck. Sie soll euch nicht moderner aussehen lassen. Sie soll euch helfen, eure eigentliche Arbeit besser zu machen.
Und dann kommt KI
Bei Künstlicher Intelligenz sieht die Lage anders aus. Wir haben die Vereine gefragt, ob sie KI-basierte Technologien bereits einsetzen und wie hoch sie das Potenzial von KI für ihre Vereinsarbeit einschätzen.
Das Ergebnis ist eindeutig: Das Potenzial liegt deutlich über der tatsächlichen Nutzung. Vereine sehen also viel mehr in KI, als sie aktuell tatsächlich damit umsetzen.
Genau diese Lücke ist der Kern der neuen Serie. Denn sie zeigt: Es geht nicht um fehlende Neugier oder fehlendes Interesse. Viele Vereine sehen zwar, dass KI ihnen helfen könnte, wissen aber noch nicht genau, wo sie anfangen sollen, welche Anwendungen wirklich sinnvoll sind und wie sie das Thema sicher in ihre Vereinsarbeit einführen.
Der Blick nach vorne zeigt es noch deutlicher: Wir haben Vereine gefragt, wie digital es früher war und in Zukunft noch werden wird. Das Muster ist klar zu erkennen: Analoge Methoden verlieren kontinuierlich an Bedeutung. Digitale Werkzeuge sind bereits jetzt Standard und werden weiter zulegen. Und KI, aktuell noch das Schlusslicht, wird laut Einschätzung der Vereine selbst in den kommenden Jahren den größten Sprung machen.
Vereine rechnen also selbst damit, dass KI kommt. Die Frage ist nur, ob sie diesen Weg aktiv gestalten oder eher hinterherlaufen.
Was Vereine wirklich zurückhält
Jetzt wird’s besonders interessant: Woran liegt es denn eigentlich, dass das gesehene Potenzial nicht in echte Nutzung übersetzt wird? Wir haben genau danach gefragt, getrennt für digitale Werkzeuge und für KI. Und die Antworten überraschen, wenn man den gängigen Vereins-Klischees glaubt:
Es fehlt an digitaler Grundsicherheit im Verein. Viele Mitglieder fühlen sich im Umgang mit digitalen Werkzeugen noch nicht sicher.
Es fehlt an konkretem Anwendungswissen. Selbst wenn eine grundsätzliche Offenheit da ist, wissen viele Vereine nicht genau, welches Tool für welchen Zweck sinnvoll ist und wie man es im Vereinsalltag praktisch einsetzt.
Es fehlt an professioneller Begleitung bei der Einführung. Besonders bei KI reicht es nicht, einfach ein Tool zu empfehlen.
Erst danach folgen Themen wie Datenschutzbedenken, Akzeptanz bei Mitgliedern, technische Infrastrukturund Kosten
Das ist der eigentliche Punkt: Es ist nicht die Technik selbst, die Vereine ausbremst. Es ist auch nicht primär der Datenschutz, obwohl er oft als erstes Gegenargument genannt wird, wenn man mit Vereinen über KI spricht. Es ist das fehlende Wissen darüber, wie man anfängt und die Tools bedient.
Was KI bringt kann, hat ein Teilnehmer so formuliert:
„KI hat unsere Projektplanung revolutioniert, indem sie Routineaufgaben automatisiert und uns mehr kreative Freiräume schafft."
Und genau hier liegt die Chance. Aber dahin kommt man nicht einfach so. Es braucht Wissen, Ausprobieren, klare Regeln und Menschen, die andere mitnehmen.
Für uns ist das eine der wichtigsten Erkenntnisse aus der Studie: Digitale Tools sind in vielen Vereinen angekommen. KI ist noch erklärungsbedürftig. Nicht, weil KI grundsätzlich zu kompliziert wäre. Sondern weil die Einsatzfelder für den Vereinsalltag klar strukturiert werden müssen. Und genau das versuche ich in den nächsten Wochen hier zu machen.
Wir halten fest
Die Motivation stimmt, das Wissen fehlt. Vereine in NRW sind digitaler, als das gängige Bild vermuten lässt. Bei der klassischen Digitalisierung ist längst Alltag entstanden. Bei KI klafft jedoch eine deutliche Lücke zwischen gesehenem Potenzial und tatsächlicher Nutzung. Und diese Lücke entsteht nicht durch fehlendes Interesse oder durch Datenschutz, sondern vor allem durch fehlendes Wissen und fehlende Begleitung bei der Einführung.
Das ist eine gute Nachricht. Denn Wissen und Begleitung lassen sich aufbauen. Ganz im Gegensatz zu Motivation, die man nur schwer von außen erzeugen kann.
Bleib dran
Weil das ein großes Feld ist, machen wir daraus wieder eine kleine Serie, dieses Mal begleitet von unserer Podcastserie „Digital gedacht, KI gemacht". Fabio und ich ordnen dort Folge für Folge ein, wo Vereine stehen und was sich ändern muss. Wer mag, kann parallel reinhören:
*Überall da, wo es Podcasts gibt
Hier im Blog fasse ich für euch die wichtigsten Erkenntnisse zusammen und liefere euch Werkzeuge zur direkten Anwendung. Im nächsten Beitrag wird es konkret: Wir schauen uns an, wie Vereine mit digitalen Tools und KI ihre Sichtbarkeit erhöhen können. Mit Werkzeugen, Vorlagen und Prompts, die ihr direkt ausprobieren könnt.
Mach den Selbstcheck: Wo steht dein Verein?
Bevor es in den nächsten Beiträgen konkret um Sichtbarkeit und um die Einführung neuer Tools geht, lohnt sich ein kurzer Zwischenstopp. Drei Fragen reichen, um ein erstes Gefühl dafür zu bekommen, wo euer Verein gerade steht.
Bildet ihr das Wichtigste strukturiert digital ab?
Gibt es für zentrale Dinge wie Termine, Dokumente, Aufgaben und kleine Absprachen feste digitale Orte? Oder läuft vieles über einzelne Personen, private Chats, alte Dateien und spontane Zurufe?
Führt ihr neue Tools mit einem echten Onboarding ein?
Wenn ihr ein neues Tool nutzt: Erklärt ihr euren Mitgliedern, wofür es gedacht ist, wie es funktioniert und welche Regeln gelten? Oder wird einfach ein Link verschickt und gehofft, dass alle irgendwie mitkommen?
Wisst ihr, wo KI euch konkret helfen könnte?
Könnt ihr eine Aufgabe benennen, bei der KI euch aktuell entlasten würde? Zum Beispiel bei Texterstellung, Ideenfindung, Öffentlichkeitsarbeit, Protokollen oder Verwaltung? Oder ist KI für euch noch ein großes Thema ohne konkreten Anwendungsfall?
Was bedeutet das jetzt konkret?
Wenn ihr die meisten Fragen mit einem klaren “Ja” beantworten konntet: Ihr seid strukturell schon gut aufgestellt. Der nächste sinnvolle Schritt ist, gezielt einzelne Anwendungsfälle für KI auszuprobieren.
Wenn ihr bei mehreren Fragen ins Zögern gekommen seid: Das ist völlig normal, so geht es vielen Vereinen, mit denen wir zusammenarbeiten. Die Lücke liegt bei euch wahrscheinlich nicht bei der Technik, sondern beim Wissen und bei der Begleitung. Genau darum wird es in den nächsten Beiträgen gehen.
Du willst mehr wissen?
Die komplette Studie mit allen Ergebnissen findet ihr hier zum Download.




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